Leipzig: Passagen, Szene, Wasserwege

Leipzig kombiniert auf einzigartige Weise prachtvolle,historische Bauwerke mit quirligem Stadtleben, umgeben von weitläufigen Grünanlagen und durchzogen von kleinen und großen Wasserstraßen. Mehr als genug für eine 3-tägige Erkundungstour.

Vom Ölschnitzsee aus nehmen wir die B85 Richtung Probstzella, dem ehemaligen Grenzübergang von der BRD in die DDR. Die Straße folgt einem schmalen, bewaldeten Tal, in dem die Loquitz bis nach Kaulsdorf fließt. Zwischen Gera und Leipzig prägen die großen Felder der ehemaligen LPGs die Landschaft. In Leipzig angekommen, drehen wir noch ein paar Runden durch die Stadt, da eine Baustelle den Weg zum Campingplatz versperrt und wir vergeblich eine ausgeschilderte Umleitung suchen.

Knaus Campingpark

Direkt in Leipzig gibt es für Wohnmobilisten zwei Übernachtungsmöglichkeiten: ein Stellplatz im Industriegebiet und der Campingpark beim Auensee. Oder man sucht sich einen Campingplatz etwas außerhalb in der “Leipziger Seenplatte”.

Wir wollten ausreichenden Platz, um uns mit Markise, Stühlen und Tisch auszubreiten und mit viel Abstand zum nächsten Nachbarn. Deshalb steuerten wir den Knaus Campingpark an. Zwei Tage zuvor reservierten wir telefonisch einen Platz (das erste Mal in unserer Campinglaufbahn) und kamen pünktlich um 14:00 zum Ende der Mittagspause an.

Der Platz für Camper, 2 Personen, Strom kostet 31€. Die Sanitärgebäude sind sauber, aber schon in die Jahre gekommen. Der Platz ist ruhig gelegen und macht einen gepflegten Eindruck. Weitere Angebote gibt es nicht: der Brötchenservice ist sehr reduziert, Restaurant/Bar geschlossen, Kinderspielplatz ausser Betrieb. Für den angebotenen Service ist der Platz eigentlich zu teuer.

Direkt am Eingang hält der Bus. Eine Station und man steigt in die S-Bahn oder Straßenbahn um, die beide direkt in die Innenstadt fahren. Nachdem Iwan sicher auf seinem Platz untergebracht wurde, fahren wir hinein nach Leipzig, um eine Besonderheit der Altstadt zu erkunden.

Tag 1: Passagen, Durchgänge und Höfe

Die Straßen der Leipziger Innenstadt verbindet ein einzigartiges System von Passagen, Durchgängen und Höfen. Über diese versteckten Abkürzungen kann man Leipzig durchwandern und in den noblen Passagen einen Schaufensterbummel machen oder von einem der vielen Restaurants aus die anderen Passanten beobachten. Dieses Labyrinth entstand durch die Handelshäuser und Messehallen, die über mehrere Jahrhunderte hinweg in der Altstadt erbaut wurden.

Den ersten Leipziger Handelshof errichtete Heinrich Stromer von Auerbach in den Jahren 1530 bis 1538. Zu Zeiten der Warenmesse, insbesondere vom 16. bis 18. Jahrhundert, erlangte der berühmte Auerbachs Hof eine herausragende Bedeutung für den Messeplatz. Die Händler boten in bis zu 70 Kaufgewölben vor allem Luxusartikel feil. Solch ein Durchgangshof hatte den Vorteil, dass er Schutz vor Wind, Hitze und auch Nässe bot, außerdem konnten Fuhrwerke durchfahren, ohne umständlich wenden zu müssen. Da Auerbachs Hof mehrere sehr unterschiedliche Gebäude vereinte, wies er zu dieser Zeit abwechslungsreiche Fassaden auf.

Im 18. Jahrhundert dominierte dann das barocke Durchgangshaus, das im Gegensatz zu seinem Vorläufer aus Renaissancezeiten einen einheitlichen Stil und eine geschlossene Gestalt aufwies. Zunehmend lösten Fassaden aus Stein das eher schlichte Fachwerk ab. Einzig erhaltenes Beispiel dieser barocken Architekturform ist Barthels Hof direkt am Markt.

Mondän und stilvoll wurde es dann Ende des 19. Jahrhunderts: Als erste Stadt weltweit führte Leipzig die Mustermesse ein. Und so entstanden imposante Messehäuser, wie das Städtische Kaufhaus oder Steibs Hof, die auf die neuen Mustermessen des industriellen Zeitalters zugeschnitten waren. Allein im Bereich der Leipziger Innenstadt mit einer Fläche von einem halben Quadratkilometer entstanden zwischen 1893 und 1938 insgesamt 30 dieser meist monumentalen Bauten. Im Jahr 1927, zu Leipzigs „Messeblütezeit“, waren 50 Messehäuser in Betrieb.

Auch die klassische Passage kam am Ende des 19. Jahrhunderts in Mode. Als Fußgängerzone mit kleinen Läden zu beiden Seiten verbindet sie verschiedene Straßenzüge, wobei ein Glasdach vor Wind und Wetter schützt. Die auf dem früheren Auerbachs Hof errichtete Mädler-Passage ist heute Deutschlands größte und bedeutendste Passage aus der Hochzeit des Passagenbaus. (Zitat: Brochure der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH)

Unser Streifzug durch diese Passagen macht irgendwann hungrig. Zum Glück liegt der Naschmarkt auf unserem Weg, wo wir im nachmittäglichen Schatten auf der Terasse des “Alex Leipzig” einen Burger verdrücken. Das Denkmal mit dem jungen Goethe direkt neben uns. Gestärkt laufen wir weiter duch die Altstadt. Nach ein paar Stunden beenden wir unsere Erkundungstour und steuern das Lokal in der Moritzbastei Tippan.

Die Moritzbastei wurde 1551-1554 errichtet und nach dem Kurfürsten Moritz von Sachsen benannt. Die ehemalige Befestigungsanlage direkt neben der Universität ist der einzig erhaltene Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Sie beherbergte von 1796 bis 1834 die erste konfessionslose Bürgerschule Deutschlands.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Schule zerstört, die Trümmer fanden Platz im Kellergewölbe. 1974 ging die zerstörte Bastei in den Besitz der Leipziger Studentenschaft über, die über 40.000 Kubikmeter Schutt entfernten und 1982 einen Studentenclub eröffneten. (Zitat)

Witziges Detail: Alle damals Beteiligten erhielten für ihren Knochenjob lebenslang freien Eintritt, so auch Angela Merkel!!

Die Bastei dehnt sich über mehrere Stockwerke aus. Ganz oben der Freisitz, zu dessen diesjähriger Eröffnung mit 100 Litern Freibier wir leider zu spät kommen:-(   Dann die Veranstaltungstonne mit Livekonzerten, Veranstaltungen, Theater, das Kino und die Kneipe im Gewölbe.

Bei der Rückfahrt zum Campingplatz verlassen wir uns auf die App der Leipziger Verkehrbetriebe und steigen an der Haltestelle “Am Viadukt” aus der Straßenbahn. Doch wo ist die Bushaltestelle? Zu viel Zeit vergeht mit der Suche und wir können nur noch dem abfahrenden Bus hinterherblicken. So legen wir den restlichen Weg durch die laue “Sommernacht”  zu Fuß zurück.

Tag 2: Alte Industriedenkmäler

Die sommerliche Temperaturen treiben uns beim Warten auf den Bus in den spärlichen Schatten an der Haltestelle. Mit der S-Bahn fahren wir zuerst bis zum Bayerische Bahnhof, der 1841 bis 1844 errichtet wurde und bis zu seiner Schließung 2011 als ältester Kopfbahnhof der Welt galt. Von dort geht es zum nächsten touristischen Highlight, dem Völki.

Das Völkerschlachtsdenkmal ist mit 91 Meter Höhe eins der größten europäischen Denkmäler. Es wurde 1913 zum Gedenken an die Völkerschlacht von Leipzig eingeweiht. Insgesamt kämpften vom 16. bis zum 18 Oktober 1813 etwa 520 000 Soldaten gegeneinander. Die Völkerschlacht zählt zu den größten Schlachten der Weltgeschichte. Es war die entscheidende Schlacht in den Befreiungskriegen gegen die Truppen Napoleon Bonapartes. Leider ist das Wasserbecken vor dem Völkerschlacht Denkmal wegen Bauarbeiten nicht zugäglich. Vor dem Denkmal liegt der “See der Tränen“, der die Trauer um die in der Schlacht gefallenen Soldaten symbolisieren soll. Der beste Standort für den Fotographen ist abends am “See der Tränen“, denn das Bassin ist so konstruiert, dass sich das Denkmal besonders schön auf der Wasseroberfläche spiegelt.

Mit der Straßenbahn fahren wir dann auf die andere Seite von Leipzig, nach Plagwitz und steuern zunächst die Baumwollspinnerei an.

Hundert Künstlerateliers, elf Galerien, Werkstätten, Architekten, Designer, Schmuck- und Modemacher, der Künstlerbedarf «boesner», die Theaterspielstätte «Residenz», ein internationales Tanz- und Choreografiezentrum, Druckereien, das Künstlerbuch «Lubok», das Kino «LuRu» sowie, nicht zuletzt, die gemeinnützige HALLE 14 und viele andere: Aus der ehemaligen Fabrikstadt, die Anfang des 20. Jahrhunderts zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas angewachsen war, wurde am Beginn des 21. Jahrhundert eine der interessantesten Produktions- und Ausstellungsstätten für zeitgenössische Kunst und Kultur in Europa. (Zitat)

Der schöne Biergarten auf dem Gelände der Baumwollspinnerei Tipp lädt verführerisch zu einer Pause ein. Nach einer etwas längeren Rast startet von dort unser Rundgang durch Plagwitz:

 … Karl Heine war durch seine Mutter in den Besitz von Reichels Garten (vormals Apels Garten) gekommen. Durch Landzukäufe erwarb er das gesamte Areal im Westen der Innenstadt, das er ab 1844 trocken legen, erschließen und bebauen ließ. Durch weiteren Landerwerb schuf er systematisch die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Industrialisierung des Leipziger Westens. Heines Name verbindet sich vor allem mit dem Bau des ersten Industriebahnhofs Europa 1873 und der Anlage eines engmaschigen privaten Schienennetzes für die sich ansiedelnden Industriebetriebe. (Zitat)

Auf einem Spaziergang entlang der Bahnschienen, die noch heute in Plagwitz zu sehen sind, besonders entlang des Karl-Heine Kanals, kann man diesen Stadtteil gut erkunden. Dieser Karl Heine scheint eine umtriebige Person gewesen zu sein. Die vielen Kanäle, die Leipzig durchziehen, wurden auf sein Betreiben hin gebaut. Er wollte Leipzig an das  europäische Wasserstraßennetz, besonders an die Elbe, anschließen. Leipzig kann man deshalb auch mit einem Kanu oder während einer Motorboottour vom Wasser aus erkunden. Ein besonderes Erlebnis.

Nachdem die Füße platt gelaufen sind, fahren wir zurück in die Innenstadt, setzen uns am Marktplatz vor das “Alte Rathaus” und genießen bei Essen & Trinken den kühler werdenden Abend.

Tag 3: Die Szene im Tapetenwerk und auf der KarLi

Der Tag beginnt mit Temperaturen wie im Hochsommer. In Auerbachs Keller wollen wir vorbeischauen, mein Vater fragt schon jeden Tag nach, ob wir schon dort waren.  Nach ein paar Fotos in den geschichtsträchtigen Gewölben ziehen wir weiter, möglichst immer im Schatten, bis wir endlich im altehrwürdigen Kaffeehaus Riquet Tipp landen. Nach Eiskaffee und Kuchen bringt uns die Straßenbahn nach Lindenau in das Tapetenwerk. Die Tapetenfabrik Langhammer und Söhne wurde 1873 von Robert und Adolf Langhammer gegründet und entwickelte sich zur zweitgrößte Tapetenfabrik Deutschlands. 2006 ging die Fabrik in die Insolvenz, im Jahr 2007 öffnete das Tapetenwerk:

Konzeptionelle Hauptidee war von Anfang an, die historische Fabrikanlage aus der Gründerzeit schrittweise auszubauen, um preiswerte, aber professionelle Räume für „Kreative“ zu schaffen – die beiden privaten Eigentümer sind selbst Architekten – und damit auch einen zentralen Kommunikationsort für Projekte und Ideen. Dabei soll immer der Charme der alten Industriearchitektur erhalten werden und das Tapetenwerk als „Produktionsstandort“ erhalten bleiben: für Künstler, Designer, Architekten, für kreatives Handwerk wie die Longboard-Werkstatt oder für neue Arbeitskonzepte wie den CoworkingSpace. (Zitat)

In der Kantine kann man über die Mittagszeit günstig essen oder etwas trinken. Besonders gut haben mir die Motive auf den Longboards gefallen und natürlich der Handwerksbetrieb mit den tollen Holz-Kanadier. Mit der Straßenbahn geht  es nach dem Rundgang durch das Tapetenwerk an das südliche Ende der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße), die wir gemächlich Richtung Innenstadt entlang spazieren. Neben den Delikatess- und Weinläden, der Designermode oder Kunst, sind die Szenehäuser interessant. Besonders die Kunst- und Gewerbegenossenschaft in der KarLi 36. Neben den schönen Häusern aus der Gründerzeit (renoviert oder auch nicht) gibt es auch moderne Architektur, wie z.B. das KPMG Haus. Zum Abschluß unserer KarLi Tour gehen wir in den Freisitz des Volkshauses Tipp.

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2 Replies to “Leipzig: Passagen, Szene, Wasserwege”

    • wspword Post author

      Hallo Mirjam,
      schön, dass euch unsere Berichte gefallen. Wir freuen uns auf unser nächstes Treffen 🙂

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