Die Fahrt auf dem Kolonnenweg

Die letzte Etappe der Wohnmobiltour am Grünen Band führt durch die Rhön und entlang der bayrisch-thüringischen Grenze bis nach Coburg. Sehenswerte Erinnerungsstätten auf dieser Strecke sind der Skulpturenpark Deutsche Einheit und die Gedenkstätte Behrungen. Besonders interessant waren für uns auch noch Ummerstadt und Seßlach. Auf der Rückfahrt lernen wir mit Röttingen an der Tauber ein ganz bezauberndes Städtchen kennen.

16. September 2020: Skulpturenpark Deutsche Einheit

Die Nacht verbrachten wir auf dem Parkplatz am US-Camp der Gedenkstätte Point Alpha.  So abgelegen war es sehr ruhig und morgens weckt uns herrlicher Sonnenschein. Die Gedenkstätte liegt am “Fulda-Gap“, einer ehemaligen NATO Verteidigungslinie. Wegen der günstigen Lage auf einem Bergrücken errichtete hier die US-Armee einen Beobachtungsstützpunkt. Von einem Turm wurden die Aktivitäten in der Grenzregion registriert und die Funksprüche der gegnerischen Seite abgehört. Die Gedenkstätte besteht aus dem amerikanischen Stützpunkt, rekonstruierten Grenzsicherungsanlagen, dem Museum im “Haus auf der Grenze” und dem “Weg der Hoffnung”.

Nach dem Frühstück besichtigen wir das US-Camp, gleich neben unserem Übernachtungsplatz. Auf dem Gelände steht allerlei militärisches Gerät. Die Ausstellungen in den Baracken vermitteln einen Einblick in das tägliche Leben der Soldaten und über das Zusammenleben der Soldaten mit der deutschen Bevölkerung.

Von dort laufen wir über den Kolonnenweg an den Grenzanlagen vorbei zum Haus auf der Grenze. Auf dem Weg informieren Tafeln ausführlich über diese Grenzvorrichtungen und die Entwicklung der Grünen Bandes. Die Ausstellung im Museum “Haus auf der Grenze” informiert über die Staatsgrenze der DDR, deren Entwicklung und Ausbau. Auch über die Auswirkung auf das Leben in der Grenzregion erfährt man viel: über Zwangsaussiedlungen, geschleifte Ortschaften und Häuser oder Orte im Sperrgebiet.

Es ist schon Nachmittag als wir weiterfahren: zuerst von Geisa nahe am Grenzverlauf bis nach Tann. Dort machen wir eine kleine Mittagspause auf dem Wohnmobilstellplatz. Weiter im Süden kommen wir in die Rhön. Zwischen Frankenheim und Reichenhausen, mitten im Biosphärenreservat Rhön, steht die sehenswerte Aussichtsplattform “Noahs Segel“. Über Treppen geht es hinauf zum tollen Panoramablick über das Gelände. Kinder (aber nicht nur!) können über eine Rutsche wieder nach unten.

Wir folgen jetzt der bayrisch-thüringischen Grenze. Zwischen Eußenhausen und Meiningen lag ein innerdeutscher Grenzübergang. Heute gibt es dort das verlotterte Grenzmuseum Eußenhausen. Vor 30 Jahren wohl mit viel Enthusiasmus begonnen, bleibt die Anlage heute sich selbst überlassen. Den sehr großen Parkplatz hat sich teilweise die Natur schon zurückgeholt, der Grenzturm ist nur noch eine Ruine. Im ehemaligen Todesstreifen hat der Aktionkünstler Jimmy Fell  den Skulpturenpark Deutsche Einheit angelegt. Er hat die Wiedervereinigung und Situationen vor dem Mauerfall zum Thema. Teilweise sind bei Google Bewertungen von “zugemüllt, verdreckt, heruntergekommen” zu lesen. Das haben wir so nicht empfunden! Es hat Spaß gemacht die Skulpturen anzusehen und die Erläuterungen zu lesen.

Auf dem Stellplatz an der Burg Lichtenberg ist unser Übernachtungsplatz. In der Nähe des Burgeinganges ist für Wohnmobile eine kostenlose Möglichkeit zum Übernachten (ohne Infrastruktur) reserviert. Wieder müssen wir die großzügige Fläche mit nur einem anderen Wohnmobil teilen. Es ist spät und der Hunger gewaltig. Sobald Iwan auf seinem Platz steht, gehen wir schnurstracks in die Burgschänke zum Abendessen.

17. September 2020: Fahrt auf dem Kolonnenweg

Nach einem Rundgang durch die Gemäuer der Burg Lichtenberg verlassen wir den ruhigen Stellplatz und fahren über die nahe Grenze zur Mahn- und Gedenkstätte Behrungen. Sie steht als Kulturdenkmal-Ensemble und als archäologisches Bodendenkmal unter besonderem Schutz.

Die Idee und Realisierung des deutsch-deutschen Freilandmuseums geht auf das private Engagement der Familie Elke, Andreas und Manuel Erhard zurück, diese betreuen bis heute die musealen Anlagen. Die Anlage der Mahn- und Gedenkstätte umfasst die komplette Grenzstaffelung der ehemaligen DDR. Zahlreiche staatliche Schutzstellungen als Baudenkmalensemble sowie Archäologisches Bodendenkmal sind seither ausgesprochen worden. Das ausdrückliche Anliegen der privaten Initiatoren ist es, die Grenzsituation möglichst authentisch zu vermitteln.(Zitat: http://deutsch-deutsches-freilandmuseum.de/?page_id=23)

Auf dem Gelände ist die komplette Grenzstaffelung der DDR erhalten. Neben der früheren Führungsstelle 3 (Grenzturm) sind ca. 30 Meter originaler Grenzsignal- und Sperrzaun sowie das Grenzdurchlasstor Nr. 21 erhalten.  Zu den Außenanlagen zählen die engmaschige innerdeutsche Grenze mit Kfz-Sperrgraben, Zaunanlage und Grenzmarkierungen sowie Erdbeobachtungsbunker. Vor dem Grenzturm gibt es einen Parkplatz, der nur über den Kolonnenweg von der Straße aus zu erreichen ist. Jetzt endlich hat Iwan die Möglichkeit auch ein Stück über   den Kolonnenweg zu holpern 😀. Auf dem ehemaligen Schutzstreifen hat sich die Natur ihren Teil wieder erobert. Ganz herbstlich blühen viele Herbstzeitlose und einige Silberdisteln.

Auf der Weiterfahrt wechselt die Route mehrfach zwischen Bayern und Thüringen. In Ummerstadt, mit 490 Einwohnern die zweit kleinste Stadt Deutschlands, machen wir eine kurze Pause. Ummerstadt war an drei Seiten von der Zonengrenze eingeschlossen und lag zusätzlich noch im 5km breiten Sperrgebiet. Von dem harten Schicksal der Bewohner ist heute nichts mehr zu spüren: es ist ein schmuckes Fachwerkstädtchen und unter Kennern ein touristisches Reiseziel. Einige Restaurants, Hotels und Pensionen sorgen auch im September für  Besucher. Der gesamte Stadtkern steht unter Denkmalschutz. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist die Wehrkirche “St. Andreas“. Kirche und Friedhof sind durch dicke Mauern befestigt und nur durch ein stabiles Tor zu betreten. Ummerstadt diente als Kulisse für den “Historienfilm Luther”.

Auf der anderen Seite der Grenze, in Bayern, liegt mit Seßlach ein anderer Drehort des Luther Films. Wir stellen uns direkt an einem historischen Stadttor auf einen Parkplatz an der Rodach. Über eine Brücke sind es nur ein paar Meter bis zur vollständig erhaltenen Stadtbefestigung. Entlang der Stadtmauer kann man Seßlach umrunden, die Wehrtürmchen und drei Stadttore bewundern. Die historische Altstadt besticht mit zahlreichen liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern. An den Wochenenden schließen zwei der Stadttore. Dadurch ist kaum Verkehr und man kann ungestört durch die Straßen laufen. Auf den Plätzen tummeln sich die Leute in den Restaurants.

Zum Abendessen steuern wir den “Pförtnerhof” an. Nachträglich gesehen keine so gute Wahl. Wir bestellen “Pinsa”, die Speziaität des Hauses, und Saltimbocca. Die Pinsa ist im Prinzip schmackhaft, allerdings gerade mal lauwarm. Das Fleischgericht konnte auch nicht überzeugen. Auf der Rechnung fehlten die nachbestellten Getränke, immerhin gut ein Viertel des Gesamtbetrages. Allerdings fühlte sich die Bedienung durch unsere Richtigstellung belästigt: kein Aufatmen, kein freundliches Wort, von einem Dankeschön auf Kosten des Hauses ganz zu schweigen 🙁

18. September 2020: Coburg

In Coburg soll der Abschluss unserer Fahrt entlang des Grünen Bandes sein. Auf der Suche nach einem Stellplatz in der Stadt werden wir nicht fündig. Dann vielleicht weiter oben bei der Veste Coburg? Der große Parkplatz sieht vielversprechend aus. Allerdings stellt sich nachts heraus, dass es nicht ganz so ruhig ist. Jugendliche Tuningfans treffen sich hier mit ihren aufgemotzten Autos und drehen ein paar Runden! Von der Veste sind es 20 Minuten Fußweg durch den Hofgarten hinunter in die Stadt. Den Streifzug durch die City unterbrechen wir mit einem Eis auf dem Marktplatz, Kaffee und Kuchen auf dem Albertsplatz und einer längeren Pause im schönen Rosengarten. Bevor wir uns am Abend auf den Rückweg zur Veste machen, stärken wir uns noch im “Restaurant Loreley”.

 

19. September 2020: Überraschung Röttingen

Morgens ist es sehr kalt im Wohnmobil. Die Heizung lässt sich auch nicht starten. Das Manual sagt, der Fehlercode bedeutet zu wenig Spannung. Tatsächlich: die Batterie hat nur noch 10 Volt und der Kühlschrank hat sich auch ausgeschaltet! Tja, da sind dann wahrscheinlich neue Batterien fällig. Nach über 4 Wochen auf Tour haben wir keine Lust jetzt schon nach Hause zu fahren. Das Wetter ist auch gut, die Sonne strahlt am Himmel.

Dann fahren wir ganz gemütlich über die Landstraße durch das Frankenland Richtung Stuttgart. Mal sehen, wo wir heute landen. Auf jeden Fall braucht Iwan einen Stromanschluss heute Nacht. Unterwegs suchen wir uns den Stellplatz auf dem Weingut Bach Tipp in Röttingen Tipp aus. Volltreffer! Auf dem Weingut erwischen wir den letzten Platz hinten in der Ecke. Die Familie ist super freundlich und Röttingen ein richtiges Juwel.

Röttingen ist umgeben von einer intakten Stadtmauer mit 7 Türmen. In der Stadt sind viele Fachwerkhäuser und schöne Weingüter mit Besenwirtschaften. Am Marktplatz steht das auffällige Rathaus und das einladend aussehende Restaurant “Röttinger Bürgerstube”. In der Stadt gibt es einen Sonnenuhren-Rundweg. Röttingen bezeichnet sich auch als “Stadt der Sonnenuhren”.

Am westlichen Ende der Stadtmauer ist die Burg Brattenstein, heute im Sommer Festspielort. Hinter der Burg liegt der Paracelsus-Garten. Dort beginnen auch Rundwege durch die Weinberge. Einem folgen wir und lesen etwas über die Rebsorte Tauberschwarz.  Tauberschwarz kommt nur in einer begrenzten Region an der Tauber vor. Es ist eine sehr alte Rebsorte, deren Ursprung nicht bekannt ist. Als „regionaltypische Rebsorte“ ist der Tauberschwarz von der Organisation Slow Food in die Arche des Geschmacks aufgenommen worden.

Zurück am Weingut Bach testen wir deren Silvaner und auch den Tauberschwarz. Beide überzeugen und wir lassen uns für morgen ein paar Kartons reservieren.

Zum Essen gehen wir in die bereits erwähnte Röttinger Bürgerstube SuperTipp. Eine absolute Überraschung: ein junges Paar betreibt das Restaurant mit einer sehr guten, ambitionierten Küche.

20. September 2020: Auf der Heimreise

Als erstes werden heute früh die Weinkartons verstaut. Dann geht es auf Landstraßen weiter Richtung Stuttgart. Schon kurz hinter Weikersheim suchen wir uns in Haagen einen Parkplatz, um ein paar Schritte zu sammeln. Wir laufen durch die Weinberge nach Laudenbach und auf der anderen Seite des Vorbachtals wieder zurück. Das Besondere in den Weinbergen des Vorbachtals sind die Steinriegel zwischen ihnen. Bei der Bearbeitung der Weinberge wurden über lange Zeit die Steinbrocken einfach auf die Grundstücksgrenze gelegt. Dadurch entstanden riesige Steinhügel. An mehreren Stellen sind darin noch größere Hohlräume zu sehen, die als Weinbergunterstände bei Unwettern dienten.

Nach dem Spaziergang nützen alle Verzögerungstaktiken nichts mehr. Jetzt müssen wir nach fast 5 Wochen auf Tour zurück.

Die Route

 

Reiseberichte über die nächsten Tage

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